Bitcoin: Lawinengefahr für das Finanzsystem?

Die Kryptowährung als Mutter aller Pyramiden

Die Kryptowährung Bitcoin weist einige Gemeinsamkeiten mit einem Schneeballsystem auf. Im Falle eines Zusammenbruchs könnte dies eine Lawine auslösen, die auf das internationale Finanzsystem durchschlägt.

Lawinengefahr durch den Bitcoin

Besteht bei der Kryptowährung Bitcoin Lawinengefahr für das internationale Finanzsystem?

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Es gibt Leute, die nennen Bitcoin ein Schneeballsystem. Ich stimme dem nicht zu, da ich nicht der Ansicht bin, dass die Erfinder von Bitcoin betrügerische Absichten hatten. Gleichwohl hat Bitcoin einige Gemeinsamkeiten mit einem Schneeballsystem. Darüber hinaus hat Bitcoin das Potenzial, nicht nur ein großes Anlagesystem, sondern gleich mehrere Anlagevehikel zum Einsturz zu bringen. Schließlich könnte sich Bitcoin sogar als Mutter aller Pyramiden (Mother of all Pyramids – MOAP) entpuppen.

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Schneeballsystem Bitcoin

Nach landläufiger Meinung erfordert ein Schneeballsystem eine initiale Investition und einen Anreiz für überdurchschnittliche Erträge. Weiterhin profitieren die Initiatoren des Systems sowie dessen frühe Investoren typischerweise vom Wissensmangel der nachfolgenden Kapitalanleger. Was Bitcoin anbelangt, so profitierten die initialen Investoren und Unterstützer sicherlich von dem von ihnen geschaffenen Mitläufereffekt. Darüber hinaus ziehen hohe Renditen als zweites Merkmal eines Schneeballsystems typischerweise neue Investoren an. Das ist zweifellos auch bei Bitcoin der Fall. Drittens bleiben die bestehenden Investoren dem Schneeballsystem üblicherweise sehr lange treu, da sie ihre Investitionen wachsen sehen. Wenn überhaupt, werden nur Bruchteile der Investitionen abgezogen. Auch hier vermute ich, dass dies bei Bitcoin der Fall ist. Während Bitcoin also nicht gerade ein Schneeballsystem per se ist, so erinnert der jüngste exponentielle Geldzufluss in das System doch stark an ein solches.

Wenn Bitcoin einige Eigenschaften mit einem Schneeballsystem gemeinsam hat, so lohnt es sich auch, genauer zu betrachten, wie sich Schneeballsysteme typischerweise auflösen. Erstens, wenn der Regulator das System nicht schon verboten hat, verschwinden oftmals die Initiatoren des Systems spurlos. Dies geschieht in der Regel aber erst, nachdem sie dem System zuvor persönlich so viel Kapital wie möglich entzogen haben. Ein zweiter Auslöser, der das System zum Einstürzen bringen kann, besteht darin, dass sich der kontinuierliche Kapitalzufluss verlangsamt und daher die Altinvestoren nicht länger die erwarteten monetären Gewinne erzielen können, was zu einem größeren Mittelabzug führt. Drittens können externe Faktoren wie ein plötzlicher Rückgang der Gesamtwirtschaft die Anleger dazu zwingen, Mittel abzuziehen. Dadurch wird das gesamte System nicht mehr nachhaltig und es kommt unweigerlich zum Einsturz.

Nehmen wir einmal an, dass die Gründer von Bitcoin nicht plötzlich verschwinden, nachdem sie ihre Bitcoins schnell in reale Vermögenswerte getauscht haben. Dennoch ist nicht auszuschließen, dass es entweder zu einer allgemeinen Verlangsamung des Investitionsflusses in Bitcoin kommt oder zu einem Abschwung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Was wird dann als nächstes passieren?

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Der Zusammenbruch der Pyramide

In US-Dollar ausgedrückt hat Bitcoin derzeit eine Marktkapitalisierung von ca. 137 Mrd. Diese Summe ist immerhin größer ist als der Staatshaushalt von Finnland. Ein Verlust dieser Mittel wäre für viele Anleger ein schwerer Schlag. Aber das ist „nur“ Bitcoin. Zusammengenommen machen die zwanzig größten Kryptowährungen in Bezug auf die Marktkapitalisierung eine Investitionssumme von mehr als 236 Mrd. USD aus. Das entspricht dem Staatshaushalt von Russland. Aber was hat Bitcoin mit diesen anderen Kryptowährungen zu tun? Ich behaupte viel: Wer frühzeitig in Bitcoin investiert hat, war höchstwahrscheinlich positiv überrascht von der Entwicklung der Anlage. Es ist zudem wahrscheinlich, dass diese Investoren andere Initial Coin Offerings genau beobachtet haben. Nachdem sie mit Bitcoin die recht positive Erfahrung einer Kryptowährungs-Investition gemacht haben, haben diese Anleger wahrscheinlich einen Teil ihrer erzielten Gewinne, in andere Kryptowährungen investiert.

Bitcoin und die Sierpinski Pyramide

Die aus gleichen Tetraedern erstellte Sierpinski Pyramide: Vorbild und Muster für Kryptowährungen wie Bticoin?

Gehen wir mal für einen Augenblick davon aus, dass Bitcoin einer Pyramide mit Kapitalzuflüssen an der Basis und nur partiellen Abflüssen an der Spitze ähnelt, die ihrerseits in andere Cryptocurrencies reinvestiert werden. Ist dies der Fall, dann haben Bitcoin-Investoren wahrscheinlich „Klone“ ihrer Bitcoin-Pyramide geschaffen. Diese Klone sind höchstwahrscheinlich in anderen Kryptowährungen vorhanden. Mit anderen Worten, die Pyramide ist wahrscheinlich schon lange keine einfache Pyramide mehr, sondern sie ähnelt inzwischen aller Wahrscheinlichkeit nach einer Sierpinski-Pyramide. Diese nach dem polnischen Mathematiker Wacław Sierpiński benannte Struktur ist ein Musterbeispiel für selbstähnliche Sets. In beängstigender Weise erinnert sie mich an das, womit wir es potentiell mit Bitcoin und Kryptowährungen zu tun haben. Ich nenne diese Formation daher die Mutter aller Pyramiden oder englisch „Mother of all Pyramids“, kurz MOAP.

Nachwirkungen einer Bitcoinkrise

Da es sich weitestgehend um ein unreguliertes Feld handelt, sind im Bereich der Kryptowährungen nur sehr wenige solide Daten verfügbar. Mit großer Wahrscheinlichkeit kann jedoch behauptet werden, dass die zuvor erwähnten 236 Mrd. USD., die in die zwanzig größten Kryptowährungen investiert sind, nicht die gesamte Summe ausmachen, die auf dem Spiel steht. Inzwischen wurden nicht nur Kryptowährungs-ETFs und -Hedgefonds entwickelt, sondern Investoren können auch mit Bitcoin-Derivaten wie Optionen, Futures und OTC-Forwards handeln. Wenn man bedenkt, dass die Bank Lehman Brothers während ihrer Blütezeit „nur“ über eine Marktkapitalisierung von USD 60 Mrd. verfügte, so markierte ihr Bankrott dennoch ein einschneidendes Ereignis in einer Entwicklung, die sich später als globale Finanzkrise noch massiv verschärfte. Schließlich vernichtete die globale Finanzkrise Anlagen im Wert von ca. 1.300 Mrd. USD.

Was diesen Zerfallsprozess von Bitcoin noch weiter vorantreiben wird, ist der Mangel an Liquidität: Während es größtenteils unklar ist, wer tatsächlich Bitcoins besitzt, so ist es eine faire Annahme, dass die Vermögensverteilung in der Welt der Bitcoins noch extremer ist als in der Welt der traditionellen Geldanlagen und Währungen. In einem großen Abschwung werden die wenigen Besitzer von riesigen Bitcoin-Mengen wahrscheinlich nicht als Käufer auftreten, sondern viel eher schon aus Diversifikationsgründen ebenfalls der Verkaufsseite stehen. Dieser Liquiditätsmangel, der auch bei den jüngsten Aufschwüngen von Bitcoin zu beobachten war, wird die Abwärtsspirale noch verstärken.

Positiv anzumerken ist jedoch, dass einige Dinge auch diese Krise überstehen werden. Das Konzept der Blockchain, welche die zugrundeliegende Infrastruktur für nahezu jede Kryptowährung darstellt, wird auch die schlimmste Kryptowährungs-Krise überstehen. Auch nach Bitcoin und Co. wird dieses bahnbrechende Stück Technologie seinen Siegeszug in praktisch allen Industriebereichen rund um den Globus fortsetzen.

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Über den Autor

Prof. Dr. Patrick Schüffel

Patrick Schüffel ist Professor am Institut für Finanzen der Hochschule für Wirtschaft Freiburg (Schweiz) und vertritt die Hochschule derzeit als Liaison Officer vor Ort in Singapur. Zuvor war er als Chief Operating Officer und Vorstandsmitglied für die Saxo Bank (Schweiz) AG tätig. Bei der Credit Suisse war er davor global verantwortlich für die Innovationsaktivitäten der Division “Investment Services & Products”. Seine Forschungsschwerpunkte liegen auf den Themen Unternehmertum im Finanzdienstleistungsbereich, Strategie, Innovation und Internationales Management. Er publiziert hierzu in Fachzeitschriften und referiert auf internationalen Konferenzen. Herr Schüffel hat an University of Reading/UK promoviert, einen Master Degree of International Business an der Norwegischen Handelshochschule in Bergen/Norwegen erworben und ein den Titel Diplom-Kaufmann von der Universität Mannheim/Deutschland.

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